Die Grosse Tierwanderung im Serengeti-Mara-Ökosystem (in Tansania und Kenia) könnte in einer ganz anderen Grössenordnung stattfinden als bisher angenommen. Ein Forschungsteam hat Satellitenbilder mithilfe künstlicher Intelligenz ausgewertet und statt der erwarteten 1,3 Millionen Gnus nur etwas mehr als 530'000 Tiere gefunden. Die Ergebnisse der Studie wurden im wissenschaftlichen Journal PNAS Nexus veröffentlicht.
Bisher wurde die Populationsgrösse mit herkömmlichen Methoden geschätzt, vor allem durch Zählungen aus der Luft. Dieses Vorgehen wird seit Mitte des 20. Jahrhunderts angewendet, hat jedoch erhebliche Fehlerspannen: Einige Tiere bleiben wegen Buschbewuchs oder der hohen Fluggeschwindigkeit möglicherweise unentdeckt. Für genauere Resultate werden zusätzliche Beobachtungen am Boden gemacht, etwa an Flussübergängen oder auf Weideflächen; anschliessend werden die erhobenen Daten extrapoliert. Das heisst: Daten aus einem kleinen Gebiet werden auf das gesamte Gebiet übertragen, um die Gesamtpopulation zu schätzen.
Vor Kurzem testeten Wissenschaftler eine neue Methode: Sie nutzten Satellitenbilder des Serengeti-Mara-Ökosystems, die eine Fläche von rund 4'000 Quadratkilometern abdecken, und setzten KI ein, um die Zahl der wandernden Gnus zu analysieren. Die Resultate zeigten, dass 2022 etwa 324'000–338'000 Tiere das Ökosystem durchquerten, 2023 waren es rund 503'000–533'000. Selbst am oberen Ende stehen diese Zahlen in deutlichem Kontrast zu früheren Schätzungen von 1 bis 1,3 Millionen. Dafür gibt es mehrere mögliche Erklärungen.
Rückgang der Population oder neue Migrationsmuster
Zum einen könnte eine solche Abweichung mit einem Rückgang der wandernden Population zusammenhängen. Zu den Ursachen zählen Wilderei und die Ausweitung menschlicher Landwirtschaft. Zum anderen deutet sie möglicherweise darauf hin, dass die Migrationsmuster noch nicht vollständig verstanden sind. Bei sich verändernden klimatischen Bedingungen können sich Herden in kleinere Gruppen aufteilen und über ein deutlich grösseres Gebiet verteilen, als bisher dokumentiert wurde. Insbesondere könnten ungewöhnliche Regenfälle während der Trockenzeit sowie das Wachstum von frischem Gras nach im zentralen und westlichen Teil des Ökosystems die Bewegungen der Gnus beeinflusst haben.
Falls dies zutrifft, könnte die Bewegung derselben 1,3 Millionen Gnus heute auf einer Fläche von rund 10'000 Quadratkilometern stattfinden. Das verändert das wissenschaftliche Verständnis der Dynamik und Geografie der Grossen Tierwanderung. In jedem Fall bleibt sie eines der eindrucksvollsten Naturereignisse der Erde und zieht jedes Jahr Hunderttausende Reisende aus aller Welt nach Ostafrika.
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