Welches afrikanische Land kann als das älteste gelten?
Gemäss dem Cambridge Dictionary ist ein "country" ein Gebiet mit eigener Regierung, eigenen Gesetzen und Ähnlichem. Angesichts der kolonialen Vergangenheit des Kontinents wäre das älteste afrikanische Land also jenes, das zuerst die Unabhängigkeit erlangte. Dieses Land ist Liberia.
Mit anderen Worten: Liberia sicherte sich seine Unabhängigkeit noch vor dem "." Es gibt jedoch ein weiteres afrikanisches Land, das nie von Europäern kolonisiert wurde und deutlich älter ist: Äthiopien, genauer gesagt das Äthiopische Kaiserreich.
Damit kann auch Äthiopien als Nachfolgestaat des Äthiopischen Kaiserreichs als ältestes afrikanisches Land gelten, auch wenn sich seine Grenzen und sein politisches System im Lauf der Zeit verändert haben.
Äthiopiens Ruf als Staat, der über Jahrhunderte frei blieb, ist so stark, dass die Farben seiner Flagge – Grün, Gelb und Rot – zu den Farben wurden. Viele Länder, die im 20. Jahrhundert unabhängig wurden, übernahmen diese Farben für ihre Nationalflaggen.
Man kann die Frage auch anders betrachten: als Land im Sinn einer Gemeinschaft von Menschen, die in einem klar umrissenen Gebiet lebt – also als Nation oder sogar als Zivilisation, die sich über lange Zeit gebildet hat. In diesem Fall wäre Ägypten das älteste afrikanische Land, denn seine Zivilisation reicht mehr als 5'000 Jahre zurück.
Nicht alle stimmen der Einschätzung zu, dass das moderne Ägypten als ältestes afrikanisches Land bezeichnet werden sollte, weil die heutige Bevölkerung nicht direkt vom antiken Königreich abstammt. Ägypten wurde vielfach erobert, und verschiedene Epochen veränderten dieses Gebiet tiefgreifend.
Bei modernen afrikanischen Staaten ist es sinnvoll, ihr Alter ab dem Zeitpunkt der Unabhängigkeit zu messen. Nehmen wir dies als Hauptkriterium und betrachten eine Liste der ältesten Länder Afrikas.
Für diesen Artikel haben wir die Unabhängigkeitsdaten der Länder mit den Angaben der Encyclopædia Britannica abgeglichen.
Die 5 ältesten Länder Afrikas
Wir beginnen mit Äthiopien und nicht mit Liberia, da Äthiopien wesentlich länger als unabhängiger Staat bestand. Anders als im übrigen Afrika ist seine kurze Besetzung durch das faschistische Italien nicht mit einem Kolonialstatus gleichzusetzen.
1. Äthiopien
Das Äthiopische Kaiserreich geht auf das Jahr 1270 zurück. Man könnte sogar noch weiter zurückgehen, zum Aksumitischen Reich im 1. Jahrhundert n. Chr. oder zum Königreich Dʿmt im 8. Jahrhundert v. Chr. Beide lagen im Gebiet des heutigen Äthiopien und gingen dem heutigen Staat voraus.
Das heutige Äthiopien liegt in Ostafrika und besitzt mehr UNESCO-Welterbestätten als jedes andere Land des Kontinents. Mit rund 118 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist es nach Nigeria das bevölkerungsreichste Land Afrikas. (Eine vollständige Liste der bevölkerungsreichsten Länder Afrikas finden Sie in unserem Blog.) Äthiopien gilt als Ursprungsland der Kaffeekultur, und hier wurde das älteste -Skelett gefunden, das 4,2 Millionen Jahre alt ist. Auch "Lucy", das berühmteste Australopithecus-Skelett der Welt, stammt von hier.
Am 5. Mai begeht Äthiopien den Patriots' Victory Day, den manche als Unabhängigkeitstag bezeichnen. Der Feiertag wurde 1941 eingeführt, um an die Vertreibung der italienischen Faschisten zu erinnern, die das Land besetzt hatten. Ob die kurze Besetzung Äthiopiens ausser Acht gelassen werden kann und ob der Victory Day als echter nationaler Unabhängigkeitstag gelten sollte, ist umstritten. Es ist gut möglich, dass Äthiopien in unserer Rangliste weiter unten stehen müsste – vielleicht auf Platz 4. In diesem Fall würde Liberia den ersten Platz einnehmen.
2. Liberia
Auch Liberia hat seine Schwierigkeiten. Die Geschichte seiner Unabhängigkeit ist umstritten: Die indigene Bevölkerung genoss deutlich weniger Freiheit, als der Landesname .
Im frühen 19. Jahrhundert gewann in den USA eine Bewegung an Einfluss, die sich dafür einsetzte, freie schwarze Menschen nach Afrika umzusiedeln, um Unruhen unter versklavten Menschen zu vermeiden. Daraus entstand die American Colonization Society, deren Ziel es war, freie Afroamerikaner in Afrika anzusiedeln. Unterstützer waren überzeugt, dass das Leben in ihrer "historischen Heimat" besser für sie wäre. 1821 wurde an der westafrikanischen Küste Land gekauft, und die erste Siedlung entstand.
Weitere Organisationen schlossen sich an, und weitere Siedlungen wurden gegründet. Schliesslich vereinigten sie sich zu Liberia, erklärten die Unabhängigkeit und arbeiteten eine Verfassung aus. Das Ergebnis war weit von einem Ideal entfernt: Die Siedler verstanden sich als Amerikaner, blickten auf die indigene Bevölkerung herab, verweigerten ihr Bürgerrechte und stiessen auf Widerstand.
Die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung dauerte bis 1980 und wurde von einer Reihe von Bürgerkriegen abgelöst. Erst in den letzten Jahren begann sich die Lage zu stabilisieren. Heute ist Liberia eine stabile Demokratie. Bemerkenswert ist, dass es 2006 als erstes afrikanisches Land eine Frau zum Staatsoberhaupt wählte.
3. Südafrika
Die Geschichte Südafrikas begann, wie jene der meisten afrikanischen Länder, mit der Kolonisierung. Mitte des 17. Jahrhunderts gründeten niederländische Händler eine Siedlung, aus der Kapstadt hervorging. Sie zog Siedler aus Frankreich, Deutschland und weitere niederländische Einwanderer an. Eheschliessungen mit der lokalen Bevölkerung führten zur Entstehung der Gemeinschaft der Afrikaaner, die Afrikaans sprach – eine Sprache, die aus niederländischen Dialekten hervorging.
Später eroberte Grossbritannien die Kapkolonie. Die Afrikaaner zogen nach Norden und gründeten unabhängige Republiken. Die Briten führten mehrere Kriege, gewannen sie und weiteten ihre Kontrolle aus. 1910 drängten sie darauf, 4 Provinzen zur Südafrikanischen Union zu vereinen. Dies markiert den Beginn der offiziellen Unabhängigkeit des modernen Südafrika, auch wenn das Land über einen Generalgouverneur weiterhin unter britischer Herrschaft stand.
Eine vollständig unabhängige Republik wurde Südafrika erst 1961. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Apartheid bereits seit mehr als 10 Jahren; sie setzte die Rassentrennung durch und verweigerte schwarzen Bürgerinnen und Bürgern grundlegende Rechte. Die Diskriminierung hielt bis in die 1990er-Jahre an, wobei Nelson Mandela und andere den Kampf dagegen anführten.
Heute ist Südafrika ein demokratisches Land mit einer sozial ausgewogeneren Gesellschaft. Wirtschaftlich ist es das am weitesten entwickelte Land des Kontinents. Wegen seiner grossen kulturellen und sprachlichen Vielfalt wird seine Bevölkerung als "Regenbogennation" bezeichnet.
4. Ägypten
Es ist schwierig, genau festzulegen, wann das moderne Ägypten begann. Das vereinte Königreich von Ober- und Unterägypten entstand um 3150 v. Chr. Über die Jahrhunderte wurde Ägypten Teil verschiedener Reiche: des Makedonischen Reichs, des Römischen Reichs, des Byzantinischen Reichs, des Arabischen Kalifats und des Osmanischen Reichs. Zeitweise eroberte Ägypten sogar den Sudan.
Das moderne Ägypten begann sich vermutlich im frühen 19. Jahrhundert herauszubilden, als ein lokaler osmanischer Gouverneur rebellierte und das Land nach europäischem Vorbild zu modernisieren begann. Bevor sich Ägypten vollständig vom Osmanischen Reich lösen konnte, geriet es unter britische Kontrolle. Von 1882 bis 1952 blieb es ein britisches Protektorat. Formal wurde das Königreich Ägypten jedoch 1922 für unabhängig erklärt – ein Datum, das die meisten Quellen als Beginn des modernen Ägypten betrachten.
Ein Militärputsch im Juli 1952 wird heute als Revolutionstag gefeiert, vergleichbar mit einem Unabhängigkeitstag. 1953 wurde Ägypten offiziell zur Republik, was wohl den eigentlichen Beginn des modernen Staates markiert.
Heute ist Ägypten das bevölkerungsreichste arabische Land und nach Südafrika die zweitgrösste Volkswirtschaft Afrikas. Es ist bekannt für seine antiken Monumente und die Badeorte am Roten Meer und gilt als eines der sichersten Länder des Kontinents.
5. Libyen
Libyen ist Ägyptens Nachbar in Nordafrika. Die Geschichte beider Länder weist viele Gemeinsamkeiten auf – antike Wurzeln, fremde Eroberungen und schliesslich die Unabhängigkeit durch Militärputsche.
In der Antike war das Gebiet des heutigen Libyen von Berberstämmen besiedelt. Über die Jahrhunderte wurde es von verschiedenen Mächten erobert: vom phönizischen Karthago, von Persern, Griechen, Ägyptern, Römern, Vandalen und schliesslich von Arabern. Lange Zeit gehörte Libyen zum Osmanischen Reich. Im 20. Jahrhundert war es von 1911 bis 1943 eine Kolonie Italiens.
Nach der Niederlage des faschistischen Italien im Zweiten Weltkrieg wurde Libyen gemeinsam von Grossbritannien und Frankreich verwaltet. Erst 1951 wurde Libyen unter Druck der Vereinten Nationen zu einem unabhängigen Land erklärt.
Heute ist Libyen politisch instabil und hat 2 rivalisierende Regierungen. Das Land erholt sich noch immer vom Bürgerkrieg und vom Erbe der 42 Jahre dauernden autoritären Herrschaft Muammar Gaddafis.
Libyen ist flächenmässig das viertgrösste Land Afrikas, doch 90% seines Territoriums bestehen aus unbewohnbarer Wüste. Die Tourismusbranche brach durch den Bürgerkrieg zusammen und hat sich bisher nicht erholt.
Weitere der ältesten Länder Afrikas
Die Mitte des 20. Jahrhunderts war eine Zeit tiefgreifender Veränderungen, in der fast alle übrigen afrikanischen Länder ihre Unabhängigkeit erlangten. In manchen Jahren lösten sich mehrere Länder gleichzeitig von der Kolonialherrschaft.
1956 wurden Sudan, Marokko und Tunesien unabhängig. 1957 folgte Ghana, 1958 Guinea.
Das Jahr 1960 brachte einer grossen Zahl von Ländern die Unabhängigkeit: Kamerun, Senegal, Togo, Madagaskar, der Demokratischen Republik Kongo, Somalia, Benin, Niger, Burkina Faso, Côte d’Ivoire, Tschad, der Zentralafrikanischen Republik, der Republik Kongo, Gabun, Mali, Nigeria und Mauretanien. 1961 wurde Sierra Leone unabhängig.
1962 wurden Burundi, Ruanda, Algerien und Uganda unabhängig. 1963 folgte Kenia, 1964 Malawi und Sambia. Gambia wurde 1965 ein unabhängiges Land. Botsuana und Lesotho folgten 1966.
Das Jahr 1968 war von der Unabhängigkeit mehrerer Staaten geprägt: Mauritius, Eswatini (früher Swasiland) und Äquatorialguinea. Der Weg Guinea-Bissaus zur vollständigen Unabhängigkeit dauerte länger; die vollständige Souveränität erreichte es erst 1974.
1975 endete für mehrere Staaten die Kolonialzeit: für Mosambik, den Inselstaat Kap Verde, die Komoren, den Inselstaat São Tomé und Príncipe sowie Angola. 1976 wurden die Seychellen unabhängig. Dschibuti erhielt 1977 die Unabhängigkeit.
Simbabwes Weg zur Unabhängigkeit erstreckte sich über anderthalb Jahrzehnte. Das Land, damals als Südrhodesien bekannt, erklärte bereits 1965 die Unabhängigkeit, wurde aber erst 1980 offiziell anerkannt.
Zu den letzten afrikanischen Staaten, die unabhängig wurden, gehörte Namibia, dessen Loslösung Südafrika lange verhindert hatte. Namibia erreichte die Unabhängigkeit schliesslich 1990.
1993 erlangte, wie bereits erwähnt, Eritrea die Unabhängigkeit von Äthiopien.
Das jüngste afrikanische Land, das unabhängig wurde, ist der Südsudan. 2011 spaltete er sich vom Sudan ab und wurde zum jüngsten international anerkannten Land der Welt.
Liste afrikanischer Länder nach Datum der Unabhängigkeit
Zum Schluss fassen wir alles in einer einfachen Tabelle der ältesten Länder Afrikas nach Unabhängigkeitsdatum zusammen:
Diese Liste afrikanischer Länder nach Datum ihrer Unabhängigkeit ist nicht absolut. Ein genauerer Blick auf die Geschichte einzelner Staaten zeigt, dass viele offizielle Daten teilweise symbolisch sind. Entsprechend könnten manche Länder in der Liste auch anders eingeordnet werden.
Zudem gibt es nicht anerkannte Staaten, umstrittene Gebiete und unscharfe Grenzen. So erklärte etwa die Demokratische Arabische Republik Sahara, auch als Westsahara bekannt, 1976 ihre Unabhängigkeit, ist bis heute jedoch nur teilweise anerkannt. Der grösste Teil ihres Gebiets wird derzeit von Marokko kontrolliert.
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